Bibelbetrachtungen/Textkritik/Eph 5,9

Unabhängiger Mehrheitstext geprüft an Eph. 5:9

Teil 1

Es gab eine Zeit, da beunruhigten mich Unterschiede, insbesondere die von Nestle-Aland im Vergleich zu Mehrheitstext oder Textus-Receptus. Eigentlich grundlos, wie ich heute weiss, denn das neue Testament ist uns sehr präzis überliefert. Die Kritiker gehen von den schlechtesten Codizes aus, welche zwar ein hohes Alter aufweisen und dennoch gut erhalten blieben, jedoch inhaltlich fehlerhaft sind. Im Textkritischen Apparat , z. B. CNTTS werden solche Codizes (Sinaiticus und Vaticanus) als Messlatte verwendet, um andere Handschriften zu beurteilen. Dabei sind gerade diese im Apparat als sehr gut eingestuft. In diesem CNTTS werden einzelne Codizes und Frakturen einzeln aufgelistet. Nebst diesen gibt es auch noch eine Sammlung von Handschrift, die als Mehrheitstext (MT) aufgeführt sind. Hinter diesem Ausdruck verbergen sich eine Vielzahl von Handschriften, in Regel fast alle (90%+). Es sind über das ganze Neue Testament gesehen nicht immer die gleiche Anzahl von Handschriften vorhanden (Ev. mehr ca. 5000, Briefe ca. 600 ). Mehr als 200 Handschriften sind jedoch überall sicher, die die gleiche Lesart aufweisen. Sie unterscheiden sich also nicht.

Kann jetzt gesagt werden, dass die Mehrheit immer recht haben muss? Diese Frage muss fast schon als rhetorische Frage eingestuft werden. Wer will schon mit ja antworten? Kann eine einzelne Handschrift eine Reihe von Einzelhandschriften, die gleich sind, überwiegen? Auch hier erfühlt man die Rhetorik und die passende Antwort dazu, und so ist diese Frage mit einem Ja zu beantworten. Mit solchen Fragen wird aber kein Ergebnis erreicht! Vielmehr müssten wir uns fragen, was hinter dem Ausdruck «Mehrheitstext» oder auch «Byzantinischer Text» steht bzw. zu verstehen ist. Die einzelnen Handschriften, die je nach Bibelbuch mehr oder wendiger vorhanden sind, wurden zeitlich und örtlich unabhängig geschrieben. Es sind keine Kopien von Kopien von Kopien ... Jeder weiss was passiert, wenn ein Dokument immer wieder durch eine frühere Kopie kopiert wird. Die Qualität leidet sehr schnell. Man kann sagen, dass sich diese im Quadrat verschlechtert. Um das zu vermeiden, wird das Original sorgfältig und so lange wie möglich aufbewahrt, um spätere Kopien ab diesem Original zu machen oder eine Abschrift daran zu prüfen. Das wird z. B. auch mit unserem Metermass, Kilomass, etc. gemacht, wenn diese in einem Institut geeicht werden. Z. B. wurde das Johannesevangelium min. bis in 6te oder 7te Jahrhundert aufbewahrt und leider auch als Reliquie verehrt, deshalb wissen wir überhaupt davon. Daran kann erkannt werden, dass sehr lange vom Original abgeschrieben werden oder auch vorhandene Handschriften überprüften werden konnten. Da diese Handschriften über ein vergleichbares kleines Gebiet einzusehen waren, ist der Text in dieser Region der Handschriften einheitlich. Nicht so die im Süden zwar ideal gelagerten Codizes, z. B. Sinaiticus, welche eine sehr grosse Differenz in der Lesart aufweisen. Das zeigt, dass diese keinen Zugang zu den Originalien hatten und zudem sprachlich dem Griechisch entfremdet waren. Wenn jemand, so wie ich, kein oder kaum Griechisch kann und ein oder zwei Verse griechischen Text abschreibt, wird zu seinem Entsetzen feststellen, dass er ganze Wörter übersprungen hat (aberratio oculi) und zwar deshalb, weil der Inhalt nicht verstanden wurde. Die Fehler, die gemacht wurden, sind nicht böswillig oder gar absichtlich einzustufen, sondern liegt daran, dass in Ägypten das Griechisch nach und nach verloren ging.

Warum spricht man vom Mehrheitstext?

Bsp. Es gibt zwei Arten wie 100 Kopien gemacht werden können, man stelle sich ein Kopiergerät vor:

Variante A: Ich lege mein Original auf den Kopierer und vervielfältige dieses 100-fach. Also ich gebe Anzahl Kopien 100 ein und drücke OK. Ich erhalte damit 100 Kopien.
Variante B: Ich habe 100 Kopiergeräte mit 100 Angestellten, die jeweils mein Original auf ihrem Kopiergerät auflegen und OK drücken. Da aber nicht alle gleichzeitig vom gleichen Original kopieren können, muss dieses Original an alle Kopisten einzeln weitergegeben werden, damit diese eine Kopie machen können. Ich erhalte damit 100 Kopien vom Original.

Was ist nun der Unterschied zwischen Variante A und B?
Dass bei B 100 unabhängige Kopisten am Werk waren. Variante A, da war nur ein unabhängiger Kopist am Werk. Es ist auch klar, dass in Variante B zeitliche und örtliche Unterschiede liegen. Zwar waren bei Variante B einzelne Kopisten unabhängig am Kopieren, können aber zusammengefasst werden als unabhängige Mehrheit, da das Ergebnis auf dem Original beruht.
In Ägypten wurde Variante A verwendet, jedoch wurde von einer einzelnen Kopie kopiert und das ist der alexandrinische Archetyp. Im Gegensatz zum Beispiel, im welchen 100 Kopien gemacht wurden, gab es nur eine. Dies kann noch heute nachgewiesen werden, denn die Kopien weisen gemeinsame Fehler auf, die auf eine gemeinsam verwendete Kopie deutet. Solche Codizes sollten nicht bevorzugt werden, denn wenn ein Fehler in der zu kopierenden Kopie war, so wurde er immer wieder kopiert und dieser beibehalten. Z. B. hat P49 den Fehler «Lichtes / Pflanze» an von ihm abhängige Folgehandschriften weitervererbt. Ein Korrigieren war kaum möglich, er verschlimmerte sich dadurch eher noch. Vielleicht wurde nachträglich «Pflanze» in «Licht» abgeändert. Es fehlte das nahe Original, an dem man dies richtig abgleichen hätte können.
Der «Byzantinischen Text» (solche Byzantinische Texte gab es nicht nur in Byzanz, sondern überall, deshalb ist der Name missverständlich) oder «Mehrheitstext» , welcher nach Variante B gemacht wurde, gab es mehr als 100 Kopisten. Einmal vielleicht mehr 200 und bei anderen mehr als 1000 Handschriften. Es waren also eine Vielzahl von Kopisten am Werk, die noch lange Gelegenheit hatten, vom Original abzuschreiben. Sicher kam es auch vor, dass eine Kopie von der Kopie gemacht wurde. Gab es jedoch Streitigkeit bezüglich der Lesart bei Kopierfehlern, so konnte diese am Original abgeglichen werden (Empfehlung von Tertullian (150-220), welcher an die Städte der Originalien verwies). Alle Handschriften sind so genau, dass sie wie eine Handschrift behandelt werden, obwohl diese unabhängig sind. Besser wäre es von einer unabhängigen Mehrheit zu sprechen.

Es gäbe noch mehr zu schreiben und werde es auch gerne fortsetzen. In Eph. 5:9 ist die Sache für mich eindeutig, hier ist mit «Geist» zu übersetzen und nicht «Licht». Es ist sich zu fragen, wie dieser Unterschied in Eph. 5:9 entstand. Heute ist es möglich, dass selbst in Wikipedia Papyri, wie P49 analysiert werden können und jeder wird dabei feststellen, wie schwierig es ist, die Handschrift zu entziffern (schmierige Handschrift). Es ist möglich, dass nicht φωτος (Lichtes) geschrieben steht, sondern φυτος (Pflanze), was wieder einen anderen Sinn ergibt. Das würde zeigen, dass der Abschreiber nicht verstand, dass der Geist Früchte bringt. So dachte er womöglich an eine Pflanze, denn das würde sich besser auf den Kontext beziehen und weniger metaphorisch, wie das im Bezug auf «Geist» sein müsste, dass er also das Konkrete dem Abstrakten vorzog. Eine andere Theorie wäre, dass er, gemeint ist der Kopist, im Text, welchen er zu abschreiben gedachte, verrutscht ist, denn nur eine Zeile darüber steht das gleiche Wort, das er dann anstelle von πνευματος mit φωτος abschreibt. Dies ist die wahrscheinlichste Theorie.

Zu der Eph. 5:9 Stelle könnte noch geschrieben werden, dass es sich im P49 um ein Nomen Sacrum handeln könnte. Das würde das Argument, dass der Kopist mit den Augen verrutscht ist, verstärken. Ein Nomen Sacrum wurde aus Ehrfurcht dem Namen Gottes gegenüber gemacht, jedoch haben die inspirierten Schreiber des Neuen Testaments dies wohl nicht so geschrieben. In früheren Papyri gab es die ausgeschriebenen Formen, wie auch vereinzelnde verkürzte (Nomina Sacra). Zudem haben viele unabhängige Handschriften des Mehrheitstextes die ausgeschriebene Form.
Wenn der zu kopierende Text das Nomen Sacrum πνς, was für πνευματος steht, so wäre dies die aus Ehrfurcht gewählte Schreibweise gewesen. Das Wort ist so um sechs Buchstaben kürzer und damit mit dem zu verwechselten Wort φωτος, welches fünf Buchstaben aufweist, in der Länge ähnlicher als das ausgeschriebene. Damit wäre der Schreibfehler dem Kopisten weniger aufgefallen.
Ergo ist die kurze Schreibweise für eine Verwechslung anfälliger als die lange.

Haben wir heute eine perfekte Überlieferung an Handschriften und wie gut sind diese einzuordnen?

Auf der einen Seite haben wir ein Konglomerat aus Sinaiticus und Vaticanus als angeblicher Grundtext, die als Codizes auftreten. Der Sinaitcus tritt zudem mit vielen ausserbiblischen Texten auf, die nicht zum Kanon gehörig sind. Auf der anderen Seite haben wir unabhängige Handschriften, welche in hundert- ja gar tausendfacher Ausführung uns heute vorliegen, ganz geschwiegen von denen, die verloren gingen. Diese stammen von verschiedenen Orten und aus verschiedenen Zeiten her, was bedeutet, dass sie unabhängig sind. Wenn es Unterschiede in der Lesart gibt, so sind es hauptsächlich kleine Fehler bei einzelnen Kopisten, z. B. in der Orthografie. Solche Fehler lassen sich leicht erkennen und auch rekonstruieren sowie eliminieren. Es bedürfte, um solche Fehler zu rekonstruieren, sehr viel weniger Handschriften als vorhanden sind. Das zeigt, dass die Überlieferung des Originals mehr als perfekt ist. Ein Beispiel: Den langen Markusschluss weisen 1620 Handschriften auf, im Gegensatz zu denen, die diesen ausliessen, das waren nur drei (Sinaiticus, Vaticanus und GA (Gregory-Aland Nomenklatur) Nr. 304). Bei Vaticanus viel auf, dass in diesem genau so viel leerer Platz vorhanden war, dass der Schluss hineingepasst hätte.
Werden anhand dieser drei schlechten Codizes alle anderen Handschriften bewertet, so müsste von einer sehr schlechten Überlieferung ausgegangen werden. Dann stünde man auf der falschen Seite, dann wäre man gegen Gottes Wort und will dieses schlecht machen. In der Offenbarung des Herrn Jesu lesen wir über die Gemeinden. Von Ephesus z. B. lesen wir, dass sie das Böse nicht duldeten und die falschen Apostel mit ihren Lügen überführte. Es ist für mich sehr gut vorstellbar, dass in dieser Zeit der Eifer da war, um richtig gute Kopien herzustellen, dass sie sich gegen die äusseren Einflüsse zu wehren vermochten und schlechte Kopien und Einflüsse auch nicht duldeten (Vgl. Offb. 2:2-3).
Der Mehrheitstext entspricht dem Original, denn durch die vielen unabhängigen Handschriften kann kein anderer Schluss gezogen werden, als eben dieser. Zudem ist es auch gut, dass es heute keine Originale mehr gibt. Denn wie das Beispiel vom Original des Johannesevangeliums zeigt, ist dieses zuletzt als Reliquie verehrt worden. Bestimmt würden heute auch viele bezweifeln, ob es sich wirklich um das Original handelt und behaupten, es wäre eine Fälschung. Nein, so wie es ist, so ist es richtig: Viele Kopien von verschiedenen Kopisten, die sich gegenseitig nicht kannten, die nicht gleichzeitig gelebt haben mussten und nicht in der gleichen Ortschaft lebten. Nur damit ist es möglich, nachzuweisen, dass wir heute perfekte Abschriften haben. Nur so ist es möglich, die vereinzelt schlechten Abschriften eindeutig zu verwerfen.

Übersetzungen

Bis zu diesem Zeitpunkt ging es in diesem Text nur um die Abschriften des Neuen Testamentes. Übersetzungen waren nicht das Thema. Der nachfolgende Text soll das ändern.
Wir stellen uns einen Obstbaum im eigenen Garten vor (Buchtipp: Hecken-, Strauch- und Obstbaumschnitt, Leopold Stocker Verlag, Graz-Stuttgart). Ein solcher weist oft eine Veredlung auf, mit einer Unterlage, die das Wurzelsystem darstellt und bis zu der veredelten Stelle reicht. Das Wurzelsystem und die Baumkrone sind bei einem solchen Baum nicht von der gleichen Sorte. Z. B. hat die Williamsbirne häufig eine Quittenunterlage (zumindest die in meinem Garten). So ist es auch mit unseren Übersetzungen. Wenn auf eine schlechte Unterlage eine sehr gute Fruchtsorte veredelt wurde, so nützt dies nichts. Der Baum wird wenig und schlechte Früchte hervorbringen. Auch nützt es nichts, wenn eine sehr gute Unterlage verwendet, aber eine minderwertige Fruchtsorte veredelt wird. Zwar wird der Baum Frucht bringen, aber diese sind ungeniessbar. Es ist daher wichtig, dass die beste Unterlage verwendet und die beste Fruchtsorte veredelt wird. Das heisst in der Übertragung, dass die besten Handschriften verwendet werden und darauf die Übersetzung gemacht wird. Eine Übersetzung ist aber nie das Original, so wie auch der veredelte Baum nicht die Frucht der Unterlage hervorbringen wird. Warum wird der Obstbaum veredelt? Weil der Baum damit auf bestimmte Bodeneigenschaften oder sonstige ortsbezogene Eigenschaften abgestimmt werden kann, und um so ein Optimum an Ertrag im Verhältnis zur Lage erhält. So ist es auch in der Übertragung vom Beispiel des Obstbaumes zum Wort Gottes: Originalsprache oder Übersetzung. Nicht alle können über mehrere Jahre die Originalsprache von damals studieren, um dann danach das Wort Gottes zu lesen (im Ideal ist es vermutlich eine Mischung von beiden). Daher sind Übersetzungen von der besten Sorte notwendig.

Die Elberfelder 1905 hat als «Unterlage» Textus Receptus und Einflüsse vom Sinaiticus, letzterer war zu dieser Zeit modern, und so haben wir trotz einer guten Übersetzung ein paar faule Früchte im Geäst. Diese können aber ausgedüngt werden. Wenn also von Fehlern gesprochen wird, so sind es Fehler, die aufgrund einer falschen «Unterlage» entstanden sind oder weil falsch übersetzt wurde. In Eph. 5:9 ist der Einfluss vom Codex Sinaiticus oder vom ältere Papyri 49, der zum Fehler führte, erkennbar. Mit einem guten Bibelsuchprogramm, z. B. BibleWorks, kann das innert Sekunden festgestellt werden. All dies hat nichts mit dem so gut überlieferten unabhängigen Mehrheitstext zu tun, sondern weil man damals meinte, es wäre klug, den Sinaiticus zu verwenden. Wer hat schon die Geduld, die sogenannten neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse auf ihre Bewährung abzuwarten? Ich bin überzeugt, dass die Übersetzer der Elberfelder 1905 heute diese Einflüsse nicht geduldet hätten. Heute müssen wir uns aber auf ganz andere Weise bewähren. Z. B., dass wir uns nicht dieser gottlosen Bibelkritik von W/H, N/A und Konsorten hingeben, und mutlos beginnen, zu relativieren. Oder auch, dass wir prüfen, wer wie übersetzt, dass die Übersetzer keine falschen Lehren einfliessen lassen, so wie z. B. Calvinismus, Heilsverlierbarkeit, etc.

Fazit

Es muss zwischen Grundtext und Übersetzung unterschieden, und beides muss einzeln bewertet werden!

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