Bibelbetrachtungen/Textkritik/Joh 1,3

Unabhängiger Mehrheitstext geprüft an Joh. 1:13

Teil 2, Singular oder Plural

Geprüft anhand von Abschriften, der Grammatik und einer Textanalyse.

Über die Abschriften

Freien Zugang haben wir alle zu den Papyri-Fragmenten und einzelnen Codizes, wie z. B. der Siniaticus oder Alexandrinus. Schaut man die Papyri-Fragmente an, so hat man schnell den Eindruck, dass der Grundtext nicht sehr gut überliefert ist, dass viel Forschung und Fleiß notwendig sind, die Fragmente zu einem stimmigen Ganzen zusammenzufügen. Wenig oder kaum Zugang erhalten wir zu den vielen Handschriften, die zum Mehrheitstext gerechnet werden. Solche Handschriften sind gut lesbar und weisen keine so große Lückenhaftigkeit auf, wie uns durch die Papyri-Fragmenten weis gemacht werden will. Dennoch wählt die Mehrheit diese Fragmente als Maßstab, um andere Handschriften einzuordnen. Da dieser Maßstab fehlerhaft ist, ergeben sich auch mehr Unterschiede. Es wäre dann so, wie wenn gesagt würde, dass die Volksbibel der Maßstab aller Übersetzungen sei, dann könnte gesagt werden, wie schlecht alle anderen sind, die so sehr von der einen abweichen. Tatsächlich hat man die denkbar schlechteste Übersetzung zum Vergleich herangezogen. Es mag sein, dass die Vorgehensweise der wissenschaftlichen Arbeit gewissenhaft und nachvollziehbar erfolgt. Daran kann kaum ein Vorwurf gemacht werden. Es stellt sich einzig die Frage nach dem Warum. Warum diese Mühe?

Die Flickenhosenanalogie

Es wäre so, wenn im Schrank Hosen hingen, die einen durchlöchert, nicht tragbar, die anderen hingegen neu und ohne Makel. Es sind deutlich mehr von den makellosen Hosen im Schrank als von den durchlöcherten, welche ein paar vereinzelte sind. Jetzt nimmt sich der Wissenschaftler nicht eine der makellosen Hosen, sondern eine durchlöcherte. Da er sie so nicht tragen kann, näht er auf jedes Loch Flicken von den anderen durchlöcherten Hosen. Er näht die Flicke nicht nur auf, sondern er denkt sich Operationalisierungen aus, quantifiziert und qualifiziert jeden einzelnen Flicken danach, indem er die Stelle dieser Hose mit den anderen Hosen an derselben Stelle vergleicht. Dabei ist seine Ausgangslage diese, dass er die ältere, bessere Hose flicken würde, wogegen die makellose Hose die Jüngere sei, und nicht besser sein könne. Wenn er alle Löcher gestopft hat, zieht er sie auch noch an, und geht unter die Leute. Die guten Hosen hingegen schließt er sich im Schrank ein. Ich würde mich nicht trauen, mit so einer geflickten Hose unter die Leute zu gehen, und gleichzeitig die makellosen Hosen im Schrank vor allen zu verbergen. Der Flickenhosenträger hingegen verkündet stolz, wie er jeden einzelnen Flicken erkennen und zuweisen könne. Er kann sogar sagen, wie viele Flicken die Hosen hat.
Dieses Beispiel soll verdeutlichen, wie verkehrt die Ausgangslage ist. Dies kommt nicht von ungefähr, sondern wenn man bedenkt, dass E. Nestle oder auch K. Aland nicht an eine inspirierte Schrift glaubten1 , wird der evolutionäre Gedanken erkannt, indem von einer unvollkommenen Schrift ausgegangen wird, dessen Schreiber fehlerhaft, unvollkommen und Fälscher waren. Es wird auch nicht an den Kanon des Neuen Testamentes geglaubt, auch nicht an eine Autorenschaft aus dem ersten Jahrhundert2. Genau gleich, wie nicht an den Schöpfer geglaubt wird, der alles in sechs 24 Stunden Tagen erschaffen hat, glaubt man auch nicht, dass dieser Schöpfer seine Schrift mit sehr vielen Handschriften überliefert hat, sodass die Überprüfung leichtfällt. Nein, das vermeidet der Gottlose, indem er allen weis machen will, wie wenig zuverlässige Handschriften vorhanden sind. Deshalb veröffentlicht er nicht alle Handschriften und macht sie auch nicht leicht zugänglich, viel lieber zeigt er die wenigen Papyri-Fragmente und verkündet stolz sein Flickwerk. Es steht hier nicht die Arbeitsdisziplin am Pranger, sondern die Ausgangslage, die gegen das Wort Gottes ist. Das Verzeichnis, also der textkritische Apparat, zeigt diesen Fleiß, und dieser kann für alle nützlich sein. Die Interpretierung sollte jedoch nicht solchen überlassen werden, die nicht glauben, dass der Originaltext inspiriert war. An dieser Stelle von Joh. 1,13 muss nichts interpretiert werden, denn in jedem vollständigen Text ist der Plural, sowohl im Verb als auch im Relativpronomen. Es müsste also nachgewiesen werden, dass alle Abschriften eine falsche Grundlage gehabt hätten. Da das Original bis ins siebte Jahrhundert aufbewahrt wurde, das lesen wir im Chronicon Pascale, und demnach wäre diese Grundlage das Original selbst. An dieser Stelle könnte behauptet werden, dass dieses eben gerade die Fälschung wäre. Dann jedoch müsste aufgezeigt werden, warum keine Abschrift auffindbar ist, die die singulare Form verwendete, sowohl für das Verb als auch für das Relativpronomen.

Grammatik

Interessanterweise verweist gerade Tertullian auf die Originalien mit Standortangabe (unifr.ch/bkv/kapitel96-35). Er meint, es könne dort eingesehen werden, um Streitigkeiten zu vermeiden. Wie kann er also gerade an dieser Stelle so falsch liegen (unifr.ch/bkv/kapitel1906-18) , hätte er nicht auch hier auf das Original verweisen können? In seinen Ausführungen zitiert er, wie es richtig steht, und in diesem Zitat sind beide Wörter im Plural, und später in seinem Text meint er, es sei Singular. Er widerspricht sich an dieser Stelle in seinem eigenen Text. Im Weiteren sollen auch noch andere Bezüge Aufschluss geben, ob die Behauptung Tertullians begründbar ist, ob das Verb und das Relativpronomen Singular überhaupt in Frage kommt. Würde das Verb, dessen Grundform „γεννάω“ (GENNAOh) ist, im Singular flektiert, so müsste es auch mit dem Subjekt kongruent sein, das heißt der Numerus muss übereinstimmen. Man könnte hier ganz einfach beide Numeri anpassen, um den Singular zu begründen und gleichzeitig kongruent zu sein. Da das Subjekt in Joh 1,13 ein Relativpronomen ist (οἳ, Grundform ὅς hOS), muss auch das Bezugselement in derselben Kongruenz sein. Das heißt, im Numerus und Genus, der Kasus hingegen wird vom Satz, in dem das Bezugselement ist, bestimmt. Das einzige in Frage kommende Element lässt sich im Vers zwölf finden. Dies entspricht einer „Linksverschiebung“ und das wäre auch der Normalfall. Es gibt Fälle von „Rechtsverschiebungen“, jedoch wechselt das Thema in Joh 1,14, sodass eine solche nicht in Frage käme.
Der Vers zwölf knüpft an Vers elf mit einem Gegensatz an (δὲ). Die, die IHN annahmen, denen gab ER das Recht Kinder Gottes zu sein, im Gegensatz zu denen, die IHN nicht annahmen. In Vers zwölf und dreizehn wird die Gruppe angesprochen, die IHN annahmen. Dabei werden sie als Pronomen wiederaufgenommen und bilden das Objekt des Satzes. Dieses Objekt passt im Numerus und Genus zu dem Relativpronomen und Verb in Vers dreizehn. Dieses Objekt wird mit einer Angabe erweitert. Die Erweiterung ist, dass das Objekt (denen/αὐτοῖς) des Satzes Kinder Gottes sind. Man könnte jetzt sagen, dass das Bezugselement im Vers zwölf Gott (θεοῦ) sei, da dieses im Numerus Singular und im Genus Maskulin ist, und damit zum Relativpronomen und Verb in Vers dreizehn passen würde, denn das wäre letztendlich die Konsequenz. Das ist unmöglich, da Gott (θεοῦ) das Attribut von Kindern (τέκνα) ist und damit nicht in Frage kommen kann. An dieser Stelle kann gezeigt werden, dass nicht nur einfach ein Wort angepasst werden kann, sondern es müssten in diesem Fall mehrere Wörter angepasst werden, da diese im Bezug zueinanderstehen. Auch das „Geblüt“ (αἱμάτων) in Vers dreizehn müsste in den Singular gebracht werden, denn das spricht von mehreren Vorfahren, die aus Fleisch und Blut sind. Jeder Mensch hat seine eigene Abstammung und so haben viele Menschen viele Abstammungen, daher wird der Plural für „Geblüt“ verwendet.

Textanalyse

Unser Abschnitt beginnt mit Vers neun, welcher zeigt, dass Gott für alle Menschen in die Welt kam. Dieses in die Welt Kommen wird genauer beschrieben, indem ausgesagt wird, dass ER nicht von allen angenommen wurde. Nach dieser Aussage werden diejenigen näher beschrieben, die IHN annahmen. Sie haben das Recht, Kinder Gottes zu sein, weil sie aus Gott Gezeugte sind durch die Annahme des Herrn Jesu. Vers dreizehn zeigt auf, wie die Kindschaft zustande kam, nämlich durch die Zeugung Gottes.
Dieser Abschnitt ist in sich konsistent, und der Sinn wird an anderen Stellen im Neuen Testament aufgegriffen, wie z. B.: 1Pe 1:23; Jam 1:18; 1Jo 3:9; Joh 3:5; 1Pe 1:3; 1Jo 2:29; 1Jo 4:7.
In Vers vierzehn wird das Thema «Wort» aus Vers eins wiederaufgenommen. Dieser thematische Wechsel verdeutlicht, dass Vers dreizehn mit Vers zwölf verbunden ist.

Fazit

Da alle Handschriften, einschließlich der Papyri-Fragmente, der Singular aufweisen und kein Bezugselement im Singular gibt, und auch der Abschnitt in sich konsistent ist, ist der Plural begründet, sowohl im Relativpronomen als auch im Verb „gezeugt wurden“. Es ist zudem so, dass diese Aussage nicht alleinsteht, sondern oft im Neuen Testament gemacht wird.


Fußnoten

1:
Kurt Aland: «Als die pseudonymen Schriften des Neuen Testaments nur die Urheberschaft der prominentesten Apostel beanspruchten, war dies kein geschickter Trick der so genannten Fälscher, um ein höchstmögliches Ansehen und eine größtmögliche Verbreitung ihres Werkes zu gewährleisten, sondern die logische Schlussfolgerung aus der Annahme, dass der Geist selbst der Autor des Werkes war.»
2:
Kurt Aland: «Wenn die katholischen [Anm. allgemeine Briefe: 1. und 2. Pet, Jak, 1.-3. Joh. und Judas] Briefe wirklich von den Aposteln geschrieben wurden, deren Namen sie tragen, und von Menschen, die Jesus am nächsten standen (von Jakobus, dem Bruder des Herrn; von Judas, dem Bruder des Jakobus; vom Fürsten der Apostel, Petrus; von Johannes, dem Sohn des Zebedäus; wenn das Johannes-Evangelium wirklich von dem geliebten Jünger Jesu geschrieben wurde), dann stellt sich die eigentliche Frage: Gab es wirklich einen Jesus? Kann Jesus wirklich gelebt haben, wenn die Schriften seiner engsten Gefährten so wenig von seiner Wirklichkeit enthalten? Die katholischen Briefe zum Beispiel enthalten so wenig von der Realität des historischen Jesus und seiner Macht, dass es zum Beispiel für Jakobus ausreicht, nur den Namen Christi am Rande zu erwähnen. Wenn wir dies beobachten - vorausgesetzt, dass die Schriften, über die wir sprechen, wirklich von ihren angeblichen Autoren stammen -, dann erscheint es fast so, als wäre Jesus ein bloßes Phantom und als läge die wahre theologische Macht nicht bei ihm, sondern bei den Aposteln und der irdischen Kirche...»

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